Hummels Kolumne – Gute Nacht, süßer Prinz
Nov
27

Hummels Kolumne – Gute Nacht, süßer Prinz

Now cracks a noble heart. Good night sweet prince:
And flights of angels sing thee to thy rest!
– Hamlet

15 Jahre verdienen eine letzte Anerkennung und einen anständigen Abschied. Nichts ist schlimmer als die Ungewissheit und das Warten auf ein Ende, heißt es. Für viele Menschen ist es wichtig abzuschließen, ein klares abgestecktes Ende für eine Ära zu haben. Ich zähle zu dieser Art von Mensch und wo ich Leidenschaft für eine Sache habe, kann ich es mir nicht verkneifen ein paar letzte Worte zu sprechen. Um es klar zu sagen, dies hier ist keine Beerdigung. Ich möchte dieses Spiel nicht zu Grabe tragen, denn solange es jemand spielt, lebt es noch weiter. Aber was für ein Leben ist das? Diese Frage stelle ich mir seit einer Weile. Vor einer Weile auch hat der Bundestag wieder einmal über Sterbehilfe und das Recht seinem Leben selbstbestimmt ein Ende setzen zu dürfen debattiert. Da erscheint mir der Zeitpunkt nur allzu passend, um mich von UrT zu verabschieden.

15 Jahre sind ein langer Zeitraum. Wäre UrT ein Mensch dann wäre er jetzt vermutlich pickelig, selbstverliebt und unsicher. Vermutlich hieße er oder sie Dustin, Kevin, Chantalle oder Kimberly. Es gibt also genug Gründe, um froh darüber zu sein, dass UrT nur (?) ein Spiel ist. Das Fragezeichen hat seine Berechtigung. Nur ein Spiel? UrT? Vielleicht ja. Aber vermutlich trifft das für die wenigen, die hier noch lesen, nicht zu. Sie sehen vermutlich (ebenso wie ich) mehr in diesem Stück digitaler Unterhaltung.
UrT war lange Mittelpunkt meines Lebens außerhalb des “echten Lebens”. Wenn es keine Party zu crashen, keine Kohle zu verdienen und keine hübsche Frau zu unterhalten galt, fuhr der Rechner hoch und recht schnell ward das kleine blaue Icon geklickt, meist direkt nach dem kleinen silbernen. Ein bisschen spielen, ein wenig mit den Clanmates unterhalten und an manchen Tagen der Woche um seine Ehre in digitalen Wettkämpfen streiten.
Es war eine gute Zeit und das perfekte Spiel dafür. Eine solide Idee, eine wunderbar einfache Technik und ein packendes Spielgefühl machten es leicht sich in UrT zu verlieben. In seiner Schlichtheit lag eine Eleganz, die es über all seine modernen Nachfolger erhaben machte. Wer braucht schon Cutscenes, Kimme&Korn oder Hubschrauber, wenn er ein gutes Gameplay haben kann?

15 Jahre hat es Menschen wie mich und dich unterhalten – tausende von uns sogar. Es gab bessere und schlechtere Phasen, große und kleine Clans, sowie Aufreger, Skandale und Schocker. UrT ist und bleibt eine Onlinelebenswelt, die mehr umfasst als nur eine Spielmechanik und ein paar Clans & Communities. Doch liebe UrT, hör mir noch ein letztes mal zu und verzeihe mir, denn ich meine Kampfstiefel an die Wand hängen, meine Ak in den Schrank packen und dein kleines – im Laufe der Zeit so lieb gewonnenes – Icon auf dem Desktop entfernen. Ich kann dich nicht länger so sehen und werde dich nicht bis zum bitteren Ende begleiten. Lieber möchte ich dich in Erinnerung behalten, wie ich dich kennen und auch lieben gelernt habe. Als das beste Online-FPS-Game, das ich jemals gespielt habe.
Irgendwann wird auch der letzte Server leer und das letzte Turnier gespielt sein. Aber ich habe die Hoffnung, dass es noch sehr lange eine einst aktive Spielerschaft geben wird, die sich deiner erinnert. Mögen diese deine auserwählten Jünger stets die Erinnerung an dich hochhalten und jeden, der es wagt ein anderes Spiel an deiner statt auf den Thron zu setzen, in Grund und Boden flamen & trollen, dass ihm der Arsch gefriert.
Denn auch das habe ich im Laufe der Zeit gelernt: UrT ist ein wunderbarer Tummelplatz für solch mytische Fabelwesen. Vielleicht, nur vielleicht war der erste Mensch, der im Internet einen Trollpost erstellte, sogar ein UrT-Spieler.

15 Jahre. Ich habe sie nicht alle mitlerlebt. Nicht einmal im Ansatz und viel zu spät meine Liebe für dich entdeckt. Aber wer konnte denn auch ahnen, dass im Wust der Freeware-Spiele eine solche Perle versteckt ist? Ich hätte es ahnen müssen, aber ich tat es nicht. Aber heute will ich nicht bereuen, sondern dir danken. Für die gemeinsame Zeit, all die gemeinsamen Jahre. Als ich angefangen habe UrT zu spielen, kam ich gerade frisch von der Schule und wusste alles besser. Heute sieht mein Leben so völlig anders aus. Trotzdem habe ich mich eigentlich garnicht so sehr verändert, wenn ich ganz tief in mich hineinschaue. Mittlerweile weiß ich alles sogar noch besser. Und deswegen weiß ich auch: Es wird Zeit. Zeit, um Lebewohl zu sagen. Trauere nicht um mich und sei noch da für all jene, die das Ende abwarten.
Sie sagen sie wollen ein neues Spiel schaffen, genauso wie dich, nur noch schöner & zeitgemäßer. Aber das ist Blasphemie. Denn alles, was ich will, das verkörperst du besser, als es jede andere Ansammlung von Pixeln & Codes jemals könnte.

Gute Nacht auch allen Lesern. Die unzuverlässigste Kolumne der Weltgeschichte schließt ihre Pforten, dankt allen, die sich mit ihr einmal jedes Schaltjahr die Zeit vertrieben haben und verkauft ihre Restbestände an tollen Wortklaubereien auf ebay für Interessierte.
Wenn jemand nachträglich noch Geld an mich zahlen möchte, um mir seine Dankbarkeit zu beweisen, so wähle ich das klassischste und eleganteste aller Bezahlungsmittel: Eure erstgeborenen Söhne.

In dem Sinne:
Hummel Hummel

Veröffentlicht auf iourbanterror.de

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